The Long Night

Es war die zu erwartende Schlacht zwischen den Lebenden und den Toten. Und dennoch wurden Erwartungen, Spekulationen und Theorien an der Nase durch die Manege gezogen. Game of Thrones hat einen Weg gewählt, den man nicht mögen muss, dennoch ist das Ende der dritten Folge alles andere als vorhersehbar. Westeros ist wie zu erwarten nicht mehr dasselbe Land, aber anders als wir es uns je vorgestellt haben.

Vielleicht hilft es einem die Fakten Rund um diese Episode einmal auf den Tisch zu legen, um den großen Elefanten aus dem Raum zu schupsen. Die 70 Episode »The Long Night« wurde in 55 Nächten unter dem oft nasskalten Wetter Nordirlands, mit mehreren hundert DarstellerInnen vom Game-of-Thrones-Schlachten-Meister Miguel Sapochnik (u. a. Hardhome & The Battle of the Bastards) inszeniert. Sie ist die längste Schlachtensequenz in der Geschichte von Film und Fernsehen. Die Folge ist auf der Produktionsseite, sei es bei den Schauspieler, der Musik oder der Tricktechnik ein noch nie da gewesenes Erlebnis. Für diese Leistung gebührt allen Beteiligten ein riesiger Applaus. Auch wenn viele sich über ein dunkles Bild und zu schnelle Schnitte beschwert haben, kann man Sapochnik dies auch als bewusstes Stilmittel auslegen, um uns die lange Nacht wirklich erlebbar zu machen. Das ca. 40 Minuten lange „Making of“ gibt uns einen sehr interessanten Einblick in die Entstehung der Folge.

Making of »The Long Night«

The Long Night is dark and full of terrors

Die Lebenden, unter ihnen die »Dothraki«, die »Unsullied«, die »Knights of the Vale«, die Kräfte des Nordens sowie die »Brotherhood without Banners« und die restlichen Mitglieder der »Night´s Watch« haben sich vor Winterfell in Stellung gebracht und blicken voller Sorge in die aufkommende Dunkelheit. Erstaunlich wie viele unterschiedliche Kräfte sich versammelt haben, um den Norden gegen die White Walker zu verteidigen. Im Godswood haben sich Bran, Theon und seine Iron Borne zurückgezogen und Jon und Dany warten abseits des Schlachtfeldes auf eine Chance gemeinsam gegen den Night King vorzugehen. Doch zuerst taucht völlig überraschend (wenn man Carice van Houtens Namen nicht schon im Vorspann erblickt hat) die Red Woman, Melisandre auf. Hatte diese noch in der letzten Staffel sowohl ihre Rückkehr als auch ihren Tod angekündigt, greift sie in dieser Episode auf der Seite der Lebenden noch einmal unterstützend ein. Warum sie dafür aber nach Volantis aufbrechen musste, wird wohl für immer ein Geheimnis bleiben. Schade eigentlich, ein Auftritt der Fiery Hand und den roten Priestern währe durchaus drin gewesen. So aber beginnt und endet die Folge mit ihr und ihrer Zauberei. Hätte sie doch nur für Stannis Baratheon so viel Einsatz und Hingabe gezeigt. Aber vermutlich war auch dem Lord of Light nicht entgangen, das Stannis die Ausstrahlung eines Hummers hatte.

The Great War

Nach dem die Folge die maximale Spannung erreicht hat, reiten die Dothraki mit ihren in flammenstehenden Arakhs, an vorderster Front auch dabei Ser Jorah und Ghost, in die Dunkelheit und prallen auf die Armee der Untoten. Unlogisch? Vielleicht. »Only a fool will meet the Dothraki in an open field.« Möglicherweise wollte man hier nur aus dramaturgischen Gründen die Kavallerie ausschalten. Aber eine Reiterei muss halt auch reiten, um ihre Effektivität in Sachen Tempo und Durchschlagskraft ausspielen zu können. Die Inszenierung, wie die Lichter im Dunkeln nach und nach erloschen verstärkt visuell den Eindruck, einer nicht bezwingbaren Übermacht gegenüber zu stehen. Und so kommt es vor den Toren der Burg zum Kampf dem nicht wenige auf der Seite der Lebenden zum Opfer fallen. Allen voran Edd, der dem völlig fehl am Platze und verängstigten Sam retten kann. Warum Sam überhaupt auf dem Schlachtfeld steht und letztlich nur ein Hindernis darstellt, ist schon ärgerlich inszeniert. Das sich Jon zum Ende der Folge gegen eine weitere Rettung seines besten Freundes entscheidet, um seine Chance auf eine Konfrontation mit dem Night King zu bewahren geht trotzdem ans Herz. Aber der gute alte Samwell Tarly ist einfach nicht kleinzukriegen. Gebt diesem Mann einfach etwas, was er wirklich beherrscht! BÜCHER zum Beispiel!

WO IST EIGENTLICH SER YOHN ROYCE?

Daenerys, die den aussichtslosen Kampf ihrer über sechs Staffel aufgebauten Armeen mit ansehen muss, lässt sich, wie eins Jon beim BOB, dazu verleiten und greift mit Drogon ins Geschehen ein. Nie waren Drachenszenen so spektakulär in Game of Thrones zu bewundern. Und dann ist es soweit, der Night King taucht in Winterfell auf und kann Dany und Jon in einen tödlichen Tanz der Drachen an den Rand der Niederlage drängen. Beide bekommen ihre Chance. Doch der Night King ist wie zu erwarten gegen Drachenfeuer immun und Drogon wird bei der anschließenden Szenen von so vielen Untoten überrannt und massakriert, dass man schon Angst um ihn bekommen kann. Auf ein Duell Mann gegen Ice-Mann zwischen Jon und ihm lässt er sich auch nicht ein. Zu gut ist die Ausgangslage für ihn, Bran schon fast in Reichweite und um Jon unzählige Tote, die man wiedererwecken kann. Auch toll, die Szenerie die an Dark Souls erinnert in dem der verletzte Viserion unkontrolliert blaue Flammen speit und Jon dadurch in Schach hält. Dany und er sind es nicht, die dazu bestimmt sind die heutige Nacht zu retten.

What we say to the god of death?
Not today!

Prominent in dieser Folge wird immer wieder das Geschehen aus Arrays Sicht erzählt. Hatte ich sie schon in der letzten Staffel auf meiner Todesliste, entpuppt sich die fähige Assassinin nun zur Matchwinnerin dieser Folge. Nach dem sie sich verletzt in die Räumlichkeiten in Winterfell zurückgezogen hat, schiebt Regisseure Miguel Sapochnik eine unheimliche und an Horrorspiele (Resident Evil / The Last of Us) erinnernde Szene ein. Dadurch wird das Tempo angenehm zurückgefahren und die Folge bekommt die benötigte Abwechslung. Waren die Wights in der Bibliothek eigentlich in ihrem Leben diejenigen, die man zu den Wissbegierigen zählen könnte oder was haben die dort drinnen gesucht? Mit der Hilfe von Sandor Clegane und Beric Dondarrion kann sich Arya in einen sicheren Raum retten. Dondarrions Aufgabe ist damit erfüllt, so sagt es zumindest Melisandre, die sich ebenfalls in diesen Teil der Burg zurückgezogen hat. Er erliegt schlussendlich seinen Verletzungen. Gut, dass man hier auf unnötige letzte pathetische Worte verzichtet hat.

»I see a darkness in you, and in that darkness, eyes staring back at me. Brown eyes. Blue eyes. Green eyes. Eyes you’ll shut forever. We will meet again.«

Game of Thrones – Season 3 Episode 6 »The Climb«

Auch wenn wir Arays Weg an dieser Stelle der Folge verlassen und die Handlung uns danach wieder völlig vereinnahmt, bleibt das wage Gefühl, dass Arya noch etwas zu erledigen hat. Und so kommt der Moment am Ende der Episode, in dem wir Arya auf den Night King förmlich zufliegen sehen, er sie im letzten Moment zu packen bekommt, sie es aber schafft, ihm den Catspaw Dagger dennoch ins Herz zu rammen und damit die größte Bedrohung für die Menschheit zu besiegen. Wunderschön wird das Ganze durch Ramin Djawadis Musik untermalt. Standing ovations und ganz viele Emotionen!!!! Ein großartiger TV-Moment. Und ist es nicht schön, der Familie Stark, die in den vorangegangenen Staffel viel durchmachen musste, dabei zu zusehen einen so triumphalen Sieg zu erringen? Und Arya ist es in dieser Staffel immerhin schon einmal gelungen sich lautlos an jemanden im Goodswood anzuschleichen. Dr. Branhatten war aber leider wie so oft nur stummer Beobachter. Was willst du von uns Bran?

There must always be a Stark in Winterfell…

In all den Schlachtengetümmel gehen dagegen die Szenen in der Krypta ein wenig unter. Das ist schade, hat man doch mit Sansa, Tyrion, Varys, Missandei und Gilly einige prominente Haupt- und Nebencharaktere beisammen. Da muten die wenigen Dialoge und Blicke vor allem zwischen Sansa und Tyrion zwar gut an, trotzdem bleibt das Gefühl vieler verpasster Chancen. Da hätte man, anders als in Helms Deep, sein Potenzial besser nutzten könne. Wir kennen hier einige Charaktere sehr gut und wollen, dass sie miteinander interagieren. Gerade Varys war bis hier doch sehr schweigsam unterwegs. Und auch die aufgezeigten Vorurteile der Nordmänner gegenüber Missandei hätten hier aufgegriffen und zum positiven gewendet werden können. Das sich die Toten in der Krypta wenig später erheben und Jagd auf die Protagonisten machen, war eine Theorie, der ich nicht besonders zugeneigt war. Aber man hat hier einen guten Mittelweg gefunden die toten Starks, gerade Eddard, Rob oder Lyanna nicht zu verschandeln.

Here We Stand

Auf den ersten Blick hat die Folge nicht den Großteil der Charaktere aus dem Spiel genommen, aber Figuren gespielt wie von Alfie Allen (Theon Greyjoy), Carice van Houten (Melisandre), Richard Dormer (Beric Dondarrion), Vladimir Furdik (the Night King) und Ben Crompton (Eddison Tollett) haben uns über mehrer Staffel hin begleitet und haben alle einen würdigen und zum Teil überraschenden Abschied bekommen. Alfie Allen ist hiermit noch mal besonders hervorgehoben. Oft unterschätzt und übersehen, hat die Figur Theon vor allem durch seine Spielkunst viel an Profil gewonnen.

Natürlich soll das Haus Mormont an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben. Bella Ramsey (Lyanna Mormont), die sich ab der sechsten Staffel zum Fanliebling entwickelt hat, bekommt hier eine großartige Sterbeszene, in dem sie einen untoten Riesen niederringt. Und Iain Glen (Jorah Mormont) darf ein letztes Mal an der Seite seiner Khaleesi kämpfen. Und auch bei ihm verzichtet man auf die berühmten letzten Worte und spendiert ihm einen stillen Tod. Wahrlich ein Ritter der sieben Königreiche.

Bleibt die Frage am Ende offen, ob die Second Sons unter der Führung von Daario Naharis noch mal eingreifen werden. Gerüchten zufolge soll es ja auch zurück in die Riverlands gehen. Von den etwa 7 Stunden aus Staffel 8 haben wir gerade mal 3 Stunden Material gesehen. Alle Trailer bisher haben so gut wie gar nichts aus den letzten drei Folgen gezeigt. Somit bleibt die Serie kurz vor ihrem Ende unvorhersehbar und ist weiterhin für Überraschungen offen. An diesem Punkt schon von einem Versagen der Serie zu sprechen ist zum Teil maßlos überzogen.

Wie geht es am 05-05 weiter?

Meine Todesliste:

  • Daenerys „Stormborn“ Targaryen
  • Cersei Lannister
  • Arya Stark
  • Jaime Lannister
  • Bran Stark
  • Euron Greyjoy
  • Tormund Giantsbane
  • Jorah Mormont
  • Beric Dondarrion
  • Greyworm
  • Melisandre
  • Theon Greyjoy
  • Sandor „The Hound“ Clegane
  • Gregor „The Mountain“ Clegane
  • Varys
  • Night King

Am Ende der Episode stehen mehr Haupt- und Nebenfiguren als angenommen. Eddison „Edd“ Tollett und Lyanna Mormont standen nicht mal auf meinen Listen. Doch der letzte Krieg wird weitere Opfer fordern. Hervorzuheben sind sicherlich die Enden von Theon und Ser Jorah Mormont. Immerhin haben uns diese Charaktere über alle Staffel hin begleitet. »Everything you did brought you where you are now. Home.«

Welche Theorien sind eingetroffen?

So gut wie keine der Theorien aus den letzten Jahren hat nach diesem Ende noch bestand. Bran ist wohl nicht der Night King. Er kann auch nicht in der Zeit reisen und die ganze »Azor Ahai« bzw. »the prince who was promised« Prophezeiungen scheinen mit dem Ableben der White Walker ein abruptes Ende gefunden zu haben. Doch wozu das Ganze dann? Kommt da noch was in den letzten Folgen? Oder waren all diese Hinweise am Ende nur rote Heringe, die wir nur all zu gerne gesammelt haben? Oder spielt die »Azor Ahai« Sache doch auf Cersei und Jaime an? Das Ableben einige Prophezeiungen bedeutet aber auf der anderen Seite auch, dass andere nun wieder in den Fokus rücken. Selbst der Clegane Bowl ist jetzt nicht mehr auszuschließen.

Und selbst George R. R. Martin legten seinen Figuren nahe, Prophezeiungen zu misstrauen:

»Not that I would trust it. Gorghan of Old Ghis once wrote that a prophecy is like a treacherous woman. She takes your member in her mouth, and you moan with the pleasure of it and think, how sweet, how fine, how good this is . . . and then her teeth snap shut and your moans turns to screams. That is the nature of prophecy, […]. Prophecy will bite your prick off every time.«

George R. R. Martin – A Feast for Crows, Bantam 2005, Chapter Sam V, 682 f.

Und auch Tyrion, Martins Lieblings Charakter, hat eine gewisse Einstellung zu solchen Prophezeiungen:

»Prophecy is like a half-trained mule, […]. It looks as though it might be useful, but the moment you trust in it, it kicks you in the head. «

George R. R. Martin – A Dance with Dragons, Bantam 2011, Chapter Tyrion IX, 534.

Im Vorfeld überschlugen sich die Superlativen um den Aufwand den »The Long Night« in Anspruch genommen hat. Die Auflösung des immer im Hintergrund schwelenden Konflikts mit den White Walkern fällt dabei überraschend anders aus als erwartet. Auch Antagonisten sind also nie sicher und so hat sich Game of Thrones dafür entschieden den Night King in einer inszenatorisch beeindruckenden Folge aus dem Spiel zunehmen. Eine mutige Entscheidung! Doch was wird bleiben? Diese Antwort müssen nun die letzten drei Folgen liefern …


P.S. zwei lesenswert Artikel, die sich damit beschäftigen, warum Game of Thrones es letztlich am Ende nicht allen recht machen kann:

»The final season of ‚Game of Thrones‘ was doomed to be divisive, and the Night King twist shows why«

»Critic’s Notebook: Why the Final Season of ‚Game of Thrones‘ Can’t Win«

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